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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Einzelhandelsumsätze und Arbeitsmarktdaten strafen Mindestlohnkritiker Lügen

Seit 1. Januar gilt der gesetzliche Mindestlohn von 8.50 Euro, dem der Sachverständigenrat und andere eine schlimme bis katastrophale Wirkung auf die Beschäftigung vorausgesagt haben. Die Bundeskanzlerin mokierte sich bei Vorlage des Jahresgutachtens im November öffentlich darüber, dass der noch nicht geltende Mindestlohn für eine vorausgesagte Konjunkturabkühlung herhalten musste und das Haller Institut für

Wirtschaftsforschung und andere belehrten sie, dass das durchaus seine Richtigkeit habe. Nun ist März und man kann zurückschauen. Wir wollen das anhand von zwei Meldungen der Statistiker tun, die zwei Facetten des Mindestlohns beleuchten, nämlich die –kaufkräftige Nachfrage schaffende Seite und die daraus folgende Arbeitsnachfrage schaffende Seite:

Von heute: „ Die Einzelhandelsunternehmen in Deutschland setzten im Januar 2015 nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) real 5,3 % und nominal 4,1 % mehr um als im Januar 2014. Das war die höchste reale Veränderungsrate im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat seit Juni 2010.“

Und  von der Bundesanstalt für ArbeitAnhaltend positive Entwicklung: Der Arbeitsmarkt ist vom Auf und Ab der Konjunktur relativ wenig beeinflusst und entwickelt sich anhaltend positiv. Der Beschäftigungstrend bleibt deutlich aufwärts gerichtet. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung sind im Februar saisonbereinigt weiter gesunken.“

Vielleicht keine schlechte Idee, der Mindestlohn.

Noch etwas ist zu korrigieren: Der Sachverständigenrat hatte in seinen früheren Jahresgutachten  immer wieder fälschlicher Weise behauptet, mit 8,50 Euro werde Deutschland einen Platz ganz weit oben einnehmen. Er hatte dafür den ab 2016 geltenden deutschen Satz mit Werten für andere europäische Länder aus viel früheren Jahren verglichen, die seither aber deutlich gestiegen sind. Ein Vergleich der Werte Anfang 2016 zeigt, dass von Ländern die nach Wirtschaftskraft in der gleichen Liga wie Deutschland spielen, nur Großbritannien mit seiner niedrig bewerteten Währung mit seinem auf Euro umgerechneten Mindestlohn niedriger liegt.

Update 4.3. Interview Lars Feld

Die östereischische Die Preisse fragte im Interview den Wirtschaftsweisen Lars Feld:

Der deutsche Mindestlohn ist seit Jahresbeginn in Kraft. Ökonomen haben prophezeit, er werde zu mehr Arbeitslosigkeit führen. Es sieht nicht danach aus…
Feld: Die gute konjunkturelle Lage überlagert die Effekte. Die Unternehmen müssen auch die Personalausfälle durch die „Rente mit 63“ kompensieren. Man muss sich daher genauer anschauen, was in einzelnen Branchen passiert. Die Taxipreise steigen in den Städten, die Erhöhungen schon bewilligt haben, um 20 Prozent. Bei den Friseuren ist es ähnlich. Akut führt der Mindestlohn nicht zu massiven Beschäftigungsverlusten. Die Folgen werden sich erst allmählich zeigen. Aber wirklich kausal festmachen können wir den Effekt nicht. Deshalb werden wir uns noch lange darüber streiten.

Twitter-Diskussion mit Patrick Bernau von der FAZ (3./4. März):

Stephan Ewald: Patrick Bernau sieht das anders: Hier http://goo.gl/R2crF1 @norberthaering "Arbeitsplatz-Verlust … schleichend dadurch, dass weniger neue entstehen." via @PatrickBernau.

N.H.: So kann man sich gegen Empirie immunisieren. Neoklassik sagt das nicht, und Monopsontheorie erst recht nicht.

Patrick Bernau: Nein, die Empirie sagt das. http://econweb.tamu.edu/jmeer/Meer_West_Minimum_Wage.pdf …

N.H.: Bitte nicht ausgerechnet Meer-West! Gibt es keinen noch schwächeren Beleg? Siehe: http://www.norberthaering.de/index.php/de/newsblog2/27-german/news/189-wie-die-wirtschaftsweisen-tricksen-teil-5#1-weiterlesen … unter Teil 6

P.B. Das sind aber keine stichhaltigen Argumente. Ob die aus USA sind, war euch bei den ersten Mindestlohn-Studien auch egal. Dass ein ökonomisches Paper 20 Monate nach Veröffentlichung keine Zeitschrift hat, ist leider normales Ökonomen-Arbeitstempo. Mehr Argumente finde ich in dem Text nicht.

N.H.: Selbst wenn man Studie als überzeugend einstufte: Eine gegenüber vielen, die Gegenteiliges zeigen. Selektive Empirieauswahl?

P.B.: Nein, ich finde das sehr gut, wie sie scheinbar widerstreitende Positionen zu einer Synthese vereinen. dazu ausführlicher hier: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/neue-studie-warum-der-mindestlohn-doch-jobs-kostet-12769107.html …