profilbild

________________

Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Brief aus Athen: Der Theaterdonner ebbt nicht ab

Markus Barth, Athen. Noch bevor die Parlamente in Berlin und Athen den mühsam ausgehandelten Kompromiss von Brüssel bestätigt haben geht der Theaterdonner munter weiter. Die Rechten in den Unionsparteien sehen Varoufakis als Gewinner. Die Linken von Syriza glauben dagegen, dass Schaeuble diesen über den Tisch gezogen hat. Merkel und Tsipras muessen in ihren eigenen Fraktionen Ueberzeugungsarbeit leisten um die Parlamentarier auf Linie zu halten. Nun die Zustimmung ist in beiden
Parlamenten ist  wohl sicher aber die Propagandaschlacht in der Presse geht ohne Unterbrechung in die naechste Runde.
 
"Schäuble ist fassungslos über Varoufakis“ meldet die FAZ, weil der wieder in einem Interview von einem Schuldenschnitt geredet hat. Wieso eigentlich? Muss der nun wider besseres Wissen an eine Tragfähigkeit der griechischen Schuldenlast glauben nur weil er sich in der letzten Verhandlungsrunde nicht mit seiner Forderung durchgesetzt hat? "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel" wusste doch schon Sepp Herberger und die Verhandlungen gehen doch nahtlos weiter. „22 Unionsabgeordnete gegen Griechenland-Hilfe“ meldet die Zeit und diese 22 Nein-Sager haben kraeftige Unterstützung von der Bild-Zeitung und ihren Lesern: "Neue Millionen für Griechenland? Wir sagen Nein!“eine radikale Aussage, die vom Handelsblatt online noch getoppt wird: sogar „Ein dreifaches Nein nach Athen“ sendet dessen Chefredakteur. Mit einen dreifachen Ja kontert dagegen Jakob Augstein im Spiegel.
 
Dass die Tragfähigkeit der griechischen Schulden auch in Deutschland u.a. vom Wirtschaftsweisen Lars Feld bezweifelt wird, zeigt im übrigen die Diskussion um ein drittes Rettungpaket für Griechenland. "Extent and pretent“ nennt das Varoufakis der ein solches deshalb gerade ablehnt. (Das ein drittes Rettungspaket auch mit dem Dicken NEIN auf derselben Seite im Widerspruch steht ist für Bild-Leser wahrscheinlich zu anspruchsvoll.)
 
Die griechische Presse dagegen diskutiert breit die innerparteilichen Konflikte der Syriza. Auf konservativer Seite mit Schadenfreude auf linker Seite mit Sorge. Generell scheint der Burgfrieden aber noch zu halten. Insbesondere die Masse der Wähler ist weniger enttäuscht als Teile der Parteibasis. Das gilt auch für die neugewonnenen Unterstuetzer Tsipras aus dem bürgerlichen Lager. Man akzeptiert, dass es erstmals den ernsthaften Versuch einer griechischen Regierung gab, die schlimmsten Folgen der grandios gescheiterten Austeritaetspolitik zu mildern und hofft auf die Zukunft. Nur eine kleine Minderheit wuerde den Austritt aus dem Euro als Konzequenz einer haerteren Verhandlungstaktik akzeptieren. Nachdem dieser offensichtlich auch vom andern Lager nicht gewollt war ist das Vertrauen in das Bankensystem offenbar gewachsen: Einlagen beginnen zurueckzufliessen, wie Varoufakis Bloomberg mitteilt. Auch Zentralbankchef Stournaras zeigt sich optimistisch.
 
Motto der Regierung ist die Flucht nach vorne. Die zugegebenermassen bescheidenen Spielraeume sollen möglichst schnell und effektiv genutzt werden um Bevoelkerung und Kreditgebern neues Vertrauen zu geben. Die kommenden 4 Monate seien so Tsipras eine "Schlacht Tag um Tag“ um radikale Reformen umgehend umzusetzen, Verplichtungen gegenüber den Aermsten einzuhalten und die geopolitische Dynamik des Landes für die kommenden Verhandlungen aufzuwerten.
 
Das schlagende Argument in der lebhaften inner- und ausserparteilichen Diskussion, wer den nun letzlich der „Gewinner“ in Brüssel gewesen sei, liefert im übrigen die griechische Ausgabe der Huffington Post. Sie verweist auf einen interessanten Vergleich, den der „Analyst des deutschen Handelsblatt Norbert Hearing" (Νορμπερτ Χαρινγκ) auf seiner persoenlichen Website mache. Weil der Teufel sich im Detail verstecke habe dieser Abschnitt um Abschnitt den abgelehnten Entwurf vom 16.2. mit der letzlichen Vereinbarung vom 20.2 verglichen um festzustellen, dass Griechenland den Nutzen dieser Neuverhandlung hatte. Ja er habe sogar den Satz gefunden, der das Ende der Austeritaet bedeute. (Um zur englischen Version zu gelangen, bitte auf den grün gedruckten link im Artikel klicken oder hier.)