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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Spiegel-Online wirft die Propagandamaschine gegen Assad wieder an

 Wir haben uns ein bisschen zu sehr an den Gedanken gewöhnt, dass der syrische Regierungschef Assad ein Alliierter im Kampf gegen den Islamischen Staat ist. Aber jetzt ist der IS einigermaßen unter Kontrolle. Deshalb so scheint es, soll das alte Feindbild wiederhergestellt werden, damit man mit dem Rückhalt aller gerecht denkenden Menschen den Bürgerkrieg dort weiter anheizen und das Flüchtlingsheer weiter

anschwellen lassen kann. Nur so kann ich mir den journalistisch unsäglichen Artikel „Bürgerkrieg in Syrien: Regime foltert 2100 Menschen zu Tode“ im deutschen Internet-Leitmedium erklären. „Das syrische Regime“ (Assad und Syrien geht in den deutschen Medien nicht ohne das disqualifizierende Beiwort „Regime“, ganz anders als etwa in Ägypten, wo man die im Westen wohlgelittene, grausame Militärjunta in der Regel „Regierung“ nennt und eher die fair gewählte Vorgängerregierung unter Mursi rückblickend mit dem Label „Regime“ oder gleich „Terroristen“ belegt), das syrische Regime also, weiß Spiegel-Online, „hat im vergangenen Jahr nach Angaben von Menschenrechtlern in seinen Gefängnissen mehr als 2100 Menschen zu Tode gefoltert. Unter den Opfern seien 27 Kinder und elf Frauen, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die Namen der Toten seien bekannt. Der blutigste Monat sei der Juni 2014 mit fast 300 Folteropfern gewesen.“

 Erstens: Die Namen seien bekannt, aber sie werden nicht genannt. Warum nicht? Woher weiß die Stelle das so genau? Ist das glaubwürdig? Wenn die Namen veröffentlicht würden, würde sich die Stelle dem Risiko aussetzen, widerlegt zu werden. Will sie das vielleicht nicht?

 Zweitens: Der PluralMenschenrechtlern“ trifft es vielleicht nicht ganz. In der „Beobachtungsstelle“, einem Reihenhaus in Coverntry, England, arbeitet - wenn der Wikipedia-Eintrag (noch) stimmt - nur einer. „Ein" Menschenrechtler wäre also allenfalls korrekt gewesen.

 Drittens: Man sollte ihn auch nicht ungeprüft Menschenrechtler nennen, nur weil er sich selbst so nennt. Er ist jemand, der seit sehr langer Zeit gegen Assad kämpft.

 Fünftens: „Syrisch“ ist die Beobachtungsstelle nicht, ist Coventry doch ziemlich weit weg von Syrien. Das immerhin erfährt man in dem Artikel. 

 Sechstens: Der Autor stellt nicht klar, welche Art Quelle das ist und nimmt damit billigend den Eindruck beim Leser in Kauf, dass es sich um eine offizielle oder zumindest seröse Organisation handelt. Ein Versehen? Kaum. Ein Klick auf Wikipedia wäre auch für den eiligsten Online-Journalisten zumutbar. Stattdessen nur die weichgespülte Erklärwvariante: "Die Beobachtungsstelle für Menschenrechte sitzt in England und stützt sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Informanten in Syrien."

 

  Siebtens deutet der Autor mit dem genannten Zitat nur verschämt an, dass es sich ausnahmslos um ungeprüfte und nicht überprüfbare Behauptungen handelt und lässt weg, dass sie wohl nahezu ausnahmslos von Assad-Gegnern stammen und der, der sie sammelt, ein Assad-Gegner ist.

 Achtens: Gibt man „Folter“ und „Assad“ in eine gängige Suchmaschine ein, findet man ab Juni 2014 bis Ende 2014 so gut wie nichts. Warum, wenn der Juni der schlimmste Monat war? War der Betreiber der Beobachtungsstelle länger in Urlaub und kam erst jetzt dazu, seine Informationen auszuwerten und zu veröffentlichen? Oder hat es die Presse damals nicht interessiert, weil es nicht opportun war?

 Dafür bekommt man am 21.1.2014 hunderte Funde. Da wurden nämlich, einen Tag vor einer Syrien-Konferenz, zehn Fotos von Folteropfern veröffentlicht. In allen Berichten hieß es, sie zeigten von den Schergen Assads in den Foltergefängnissen des „Regimes“ grausam zu Tode gefolterte Menschen. In der größeren Auswahl von Artikeln, die ich gelesen habe, stand nichts dazu, wodurch belegt werde, dass die Menschen in Regierungsgefängnissen starben und von der Regierung gefoltert und ermordet wurden, und nicht etwa von den Rebellen, zu denen ja immerhin auch der nicht gerade zart besaitete IS gehört.

Ausgewertet und geprüft wurden die Fotos von Katar, dessen mittelalterlich-absolutistisches "Regime" im syrischen Bürgerkrieg die Opposition mit Waffen versorgt und auch als möglicher Unterstützer des IS in Verruf geraten ist. Nach dem 21.1.2014 brach die Berichterstattung sehr schnell ab, bis im April die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte in einem Bericht – wohl korrekt – feststellte, dass die Regierung foltert und ihre Bürgerkriegsgegner ebenfalls, die der Westen unterstützt. 

 Danach kam kaum noch ein Bericht über Folter in Syrien, dafür Berichte über die Zusammenarbeit der USA mit Assad bei der Bekämpfung des außer Kontrolle geratenen IS. Und jetzt geht’s wieder los. Ich fürchte, wir müssen uns wieder auf neues Kriegsgeschrei gefasst machen.

Die Saat lässt sich mit solchen Artikeln gut sähen, wie die Leser-Kommentare unter dem Spiegel-Artikel belegen. „. wie lange sollen wir noch zusehen wie IS und Assad den nahen Osten sukzessive ermorden? Wann wird der Deutschland endlich Taten sprechen lassen? wir sollten uns am Vorgehen der USA orientieren und diesem Völkermord nicht länger zusehen“, lautet gleich der erste Kommentar. Schließlich wollen die Syrer auch möglichst bald so sicher und in einem so wohlgeordneten Staat leben, wie die Menschen in Libyen, Irak und Afghanistan. Lasst uns wieder Bomben werfen für die Menschenrechte und den Frieden! Amen.