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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Hurra! Deutsche Banken sind krisensicher – solange es keine unvorhergesehene Finanzkrise gibt

 Die Europäische Zentralbank hat mit ihrem umfassenden Stresstest den deutschen und französischen Großbanken ein sehr gutes Gesundheitszeugnis ausgestellt und den allermeisten europäischen Banken ein gutes. Es fehlen danach Europas Banken nur 25 Mrd. Euro um auch eine schwere Krise gut zu überstehen. Die deutschen und französischen Banken haben danach zusammen  viel mehr Kapital als sie dafür brauchten. Super! Dagegen schätzt Viral Acharya, einer der renommiertesten

Finanzprofessoren (Stern School of Business) zusammen mit Sascha Stfeffen (European School of Management and Technology) die Kapitallücke in Europa etwa 30-mal so hoch ein wie die EZB. Die beiden haben nun untersucht und aufgeschrieben, woran das unterschiedliche Ergebnis liegt.

 Zunächst ist bemerkenswert, dass die Kapitallücke einer Bank bei der EZB tendenziell umso kleiner (oder der Puffer größer) ist, je größer die Lücke bei den beiden Forschern (bzw. je kleiner dort der Puffer).

 Das liegt vor allem daran, dass die Großbanken ihre „risikogewichteten“ Aktiva selbst ausrechnen dürfen. Je kleiner die Aktiva, desto größer die auf diese Aktiva bezogenen Kapitalquote. Die Spatzen pfeifen von den Dächern und die Regulierer wissen, dass diese Rechnungen ein unrealistischer Hokuspokus sind. Dabei werden Schönwetterszenarien bezüglich der Zusammenhänge zwischen Wertveränderungen der verschiedenen Asset und bezüglich der Zahlungsfähigkeit der Gegenparteien unterstellt, die in einer systemischen Finanzkrise nicht vorliegen. Das hätte dem gesamten Bankensystem schon in der letzten Finanzkrise das Genick gebrochen, wenn der Staat nicht rettend eingegriffen und sich dabei massiv verschuldet hätte.

 Diese Einsicht ist der Grund, warum die Regulierer daran arbeiten, auch Untergrenzen für die Kapitalausstattung relativ zu den umgedichteten, also nicht künstlich kleiner gerechneten Aktiva einzuziehen. Aber bei Stresstest der EZB geschah das nicht, wie die beiden Autoren kritisieren. Hätte die EZB als zweites Kriterium zur Bestimmung der Kapitallücke neben dem Referenzwert von 5,5 Prozent bezogen auf die gewichteten Aktiva auch noch einen Referenzwert bezogen auf die ganzen Aktiva gesetzt, wäre aufgefallen, dass gerade die Banken, die im Krisenfall sehr hohe Verluste zu befürchten haben, ihre Aktiva in besonders extremer Weise klein rechnen.

 Ein Grund dafür, dass die Lücke insgesamt bei den beiden Ökonomen  viel höher ist als bei der EZB, liegt daran, dass sie mit unter anderem 40 Prozent Wertverlust von allen Aktien ein extremeres aber durchaus nicht unrealistisches Krisenszenario annehmen.

 Gerade die deutschen und französischen Großbanken, die der EZB zufolge einen hohen Kapitalpuffer haben, hätten nach Acharya und Steffen eine riesige Kapitallücke. In gewissem Sinne hat die EZB ja Recht. Wenn es wieder eine Krise wie die letzte gibt, können gerade die deutschen und französischen Großbanken damit rechnen, wieder vom Staat gerettet zu werden. So wie beim letzten Mal. Aber ob das Zweck der ganzen Übung sein kann ist fraglich.

Europas Banken: übergewichtig und labil

Die Bankenunion dient den Banken, nicht den Steuerzahlern