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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Auch DER SPIEGEL feiert in Sachen Geld den Aufstand gegen die Vernunft

 So betitelt Buchautor Gero Jenner eine äußerst kritischen Analyse der These, die Banken würden Geld aus dem Nichts schaffen. Er nennt und kritisiert als Gläubige dieses „abenteuerlichen“ Gedankens unter anderem  Bernd Senf und Joseph Huber. Er hätte auch Thomas Mayer, dem ehemaligen Chefvolkswirt der Deutschen Bank, nennen können. Anlass ist ein Bericht des Spiegel (2014/42; S. 81) der einigermaßen wohlwollend über die Geldreformer informiert. Jenners Missverständnisse sind typisch

für die breite, gebildete Öffentlichkeit. Deshalb lohnt es sich für einen Anhänger des „Wunderglaubens an die Geldschöpfung“ wie mich, seine Gegenargumente zu beleuchten. Dieser Beitrag ist etwas für alle, die selbst Zweifel an der These hegen, dass Banken Geld aus dem Nichts schaffen, und für diejenigen, die sich mit den Argumenten der Zweifler auseinandersetzen wollen oder müssen. Wir werden feststellen: Es geht hier nicht um Glaubensfragen, es geht um Kenntnis oder Unkenntnis der institutionellen Gegebenheiten unseres Geld- und Bankensystems.

Zur Einstimmung macht Jenner deutlich, was er vom Geisteszustand der Vertreter der These hält: 
 „Krisen sind Zeiten der gärenden geistigen Unruhe, die im besten Fall die richtigen Rezepte zu ihrer Überwindung, im schlechtesten demagogische Hetze und geistige Verwirrung erzeugen. Gegenwärtig leben wir wieder in einer Krise, einer Zeit geistiger Unruhe und Gärung, wo kein Gedanke so abenteuerlich ist, dass er nicht eine Gemeinde von Gläubigen um sich schart…In einem kürzlich erschienenen Artikel hat nun selbst ein führendes deutsches Nachrichtenmagazin sich zum Sprachrohr des Glaubens an die Geldschöpfung aus dem Nichts gemacht.

 Folgende These ist Stein des Anstoßes:
Die Geschäftsbanken zaubern Geld aus dem Nichts hervor, verdienen anschließend an den daraus fließenden Zinsen und dürfen bei Zahlungsausfall haftendes Eigentum einziehen, also im Gegenzug für das Nichts Existenzen vernichten und sich reale Güter aneignen.“

 Jenner schreibt dazu:
Es versteht sich, dass solches Handeln, wenn es denn tatsächlich von den Geschäftsbanken praktiziert werden sollte, auf der gleichen Ebene steht wie der gewöhnliche Diebstahl und gemeine Betrug, nur dass beide hier eine kollektive Bedeutung erhalten, weil sie das ‚Geldsystem’ insgesamt diskreditieren.“

 So streng sind wenige Kritiker des Geldsystems, wie Jenner, aber jetzt kommen ja seine Gegenargumente:
 „Andererseits hatte der Geldtheoretiker Helmut Creutz schon vor Jahren anhand von Statistiken der Deutschen Bundesbank nachgewiesen, dass die Gesamtmenge an ausgereichten Krediten sämtlicher deutscher Geschäftsbanken stets unterhalb der gesamten Menge an eingezahlten Spargeldern liegt… Die vorhandenen Fakten sprechen also eindeutig gegen die Geldschöpfung aus dem Nichts.“

 Nein, Herr Jenner. Es ist für einen Geldschöpfungsversteher ganz normal, das die Menge der Kredite unter der Menge der Einlagen liegt. Eine Bank schafft Giralgeld, indem sie Kredit gibt und dafür ein Giroguthaben gutschreibt. Sie schafft aber auch Geld, wenn sie Staatsanleihen kauft und dem Staat dafür ein Guthaben auf dem Girokonto gutschreibt. Wenn die Banken in größerem Umfang Wertpapiere kaufen, dann sind die Kredite kleiner als die Einlagen, denn es ist ja nur ein Teil der Einlagen über Kredite entstanden. Außerdem geben die Banken eigene Anleihen und Aktien aus. Diese werden von Bankkunden mit Giroguthaben bezahlt. So werden Giroguthaben in Anleihen und Bankaktien umgewandelt, was den Einlagenbestand verkleinert. Wir haben also kein Argument gegen die These, dass die Banken im Rahmen der Kreditgewährung neues Geld schaffen.

 Weiter mit Jenner:
 „Schauen wir uns zwei stark vereinfachte Modelle unseres gegenwärtigen Banksystems an, um auf diese Weise einer Antwort näher zu kommen. Nehmen wir also erstens an, dass genau zwei Geschäftsbanken AA und BB unterhalb einer ihnen übergeordneten Notenbank existieren und dass der übliche Zahlungsverkehr zu 99% in bar und nur zu einem einzigen Prozent giral, also unbar, stattfinde. Ein Angestellter der Bank AA mag sich nun in der für ihn alltäglichen Lage befinden, einen Kredit auszureichen, aber einen in besonderer Höhe, sagen wir zehn Millionen Euro…Da der betreffende Angestellte die Theorie der Professoren Hörmann und Senf studiert hat, hält er es allerdings nicht für nötig, bei seinem Chef nachzufragen, ob dieses Geld in der Form von Einzahlungen kurz- oder langfristiger Art in der Bank auch vorhanden sei. Er schreibt die Zahl von zehn Millionen deshalb ohne Weiteres auf dem Konto des Kreditnehmers gut, weil ja nach Meinung der beiden von ihm studierten Kapazitäten alle anderen Geschäftsbanken ganz genauso vorgehen. Kein Zweifel, dass er in diesem Fall tatsächlich Geld aus dem Nichts erzeugt.“

 Das klingt so, als wollte Jenner der kritisierten These zustimmen. Aber jetzt kommt das Argument, warum das angeblich nicht ginge:
Lassen wir den mit dem Kredit ausgestatteten Kunden dieses Geld nun für die Bezahlung einer Maschine bei der Baufirma Y verwenden. Er überweist den Betrag von zehn Millionen also auf das Konto der Firma, welche dieses bei der zweiten Geschäftsbank BB unterhält. Mit genau neunundneunzig Prozent Wahrscheinlichkeit wird der Chef der Baufirma das Geld auf seinem Konto daraufhin in bar bei der zweiten Geschäftsbank BB abheben.“

 Bei Jenner geht es kompliziert weiter, aber wir können ihn unterbrechen. Wenn 99% der Transaktionen in bar abgewickelt werden, wird der Kreditkunde von Bank AA wohl gleich selbst das geliehene Geld abheben, um die Baufirma Y in bar zu bezahlen. Dann bräuchte die Bank AA also sofort nach Kreditvergabe Bargeld. Sie kann den Kredit also nur ausreichen, wenn sie entsprechendes Bargeld im Tresor hat, oder es sich jederzeit besorgen kann, weil sie ein entsprechendes Zentralbankguthaben hat. Es liegt auf der Hand. Wenn Giralgeld praktisch nicht verwendet wird, können die Banken auch nicht in nennenswertem Maße Geld schaffen. Denn Bargeld können sie nicht drucken. Sie können nur unbare Bankguthaben schaffen.

 Weiter mit Jenner:
Wie verhält es sich, wenn neunundneunzig Prozent unbar umlaufen und nur ein einziges Prozent in Münzen und Scheinen? Die Gehaltsauszahlungen auf den Girokonten bestehen nunmehr aus bloßen Ziffern, ebenso wie die Überweisungen auf Giro- und Sparkonten. Nicht zuletzt werden nahezu sämtliche Einkäufe mit Kreditkarten getätigt. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in bar ausgezahlt werden möchte, liegt nicht höher als ein Prozent. In diesem Fall scheint die Notenbank ihrer Kontrolle weitgehend beraubt - die beiden Geschäftsbanken machen gegeneinander ja so gut wie keine Ansprüche auf die in Notenbankscheinen notierten Mindestreserven der jeweils anderen geltend.

 Der letzte Satz ist falsch. Mit Mindestreserven meint Jenner Guthaben der Geschäftsbanken AA und BB bei der Zentralbank. (Mindestreserven sind genau genommen nur ein Teil davon.) Zentralbankreserven stellen einen Anspruch auf Auszahlung von Bargeld dar. Wenn der Kreditkunde der Bank AA den Bauunternehmer Y per Überweisung an Bank BB bezahlt, dann läuft das so ab: Bank AA weist Bank BB an, Y die 10 Mio. Euro auf dessen Girokonto bei BB gutzuschreiben und tilgt gleichzeitig das Giroguthaben ihres Kreditkunden bei sich selbst. Weil Bank BB nun gegenüber Y eine Schuld von 10 Mio. Euro hat, will sie dafür natürlich von AA etwas haben. Dieses Etwas ist ein Zentralbankguthaben von 10 Mio Euro, das von AA auf BB umgeschrieben wird. Das ist keine Theorie. Das ist die Funktionsweise des modernen unbaren Zahlungsverkehrs, mit der Jenner leider nicht ganz vertraut ist.  Unabhängig davon, ob Y sich das überwiesene Geld auszahlen lässt oder nicht, muss Bank AA ein entsprechendes Zentralbankguthaben besitzen und an BB übertragen.

Hat sie es nicht, dann muss sie den sogenannten Geldmarkt bemühen. Diesen scheint Jenner nicht zu kennen. Auf dem Geldmarkt leihen sich die Banken gegenseitig Zentralbankguthaben. Davon ist immer genügend da im Bankensystem insgesamt, weil die Zentralbank die Guthaben so steuert, dass genug für alle da ist, aber nicht zu viel. Eine Überweisung auch von hohen Summen ändert daran nichts. Wenn AA an BB die 10 Mio. Euro Zentralbankgeld überweisen muss, diese aber nicht hat, so hätte BB nach der Überweisung 10 Mio. Euro mehr als sie braucht. AA muss also bei BB anrufen, und sich  10 Mio. Euro Zentralbankgeld von BB leihen. Wenn nicht gerade Krise ist, leihen die Banken sich anstandslos gegenseitig das nötige Geld, weil sie sich trauen. Wenn BB über den Geldmarkt aushilft, bleibt AAs Guthaben bei der Zentralbank unangetastet, aber Bank AA schuldet BB 10 Mio. Euro Zentralbankgeld, die sie dieser später einmal – wenn der Geldmarktkredit ausläuft - überweisen muss.

 Jenner macht weiter:
Theoretisch scheint es in diesem Fall möglich, dass jede Bank, die einer anderen gegenüber eine Schuld besitzt, diese einfach durch die Kreation von Ziffern, also von Geld aus dem Nichts, ausgleicht, weil ja das zur Deckung dienende Bargeld nur noch zu einem Prozent existiert.“

 Falsch. Eine Schuld gegenüber einer Bank kann auch eine Geschäftsbank nicht durch selbstgeschaffenes Geld begleichen. Banken akzeptieren untereinander nämlich nur Zentralbankguthaben oder Bargeld zur Begleichung einer Schuld. Sie sind nicht so blöd, die Luftbuchungen von einer jeweils anderen Bank zur Zahlung zu akzeptieren. Diese Blödheit überlassen sie anderen.

 Und dann kommt noch das ganz große Missverständnis:
Die unausbleibliche Folge wäre natürlich Chaos: der völlige Zusammenbruch eines geordneten Geldsystems. Gegenseitig würden die Banken einander in der Schöpfung von Geld aus dem Nichts überbieten. Wie wahrscheinlich ist eine solche Entwicklung? Sicher könnte es einigen, vielleicht bis zu einem Dutzend Banken gelingen, ein funktionierendes Betrugskartell über Jahre hindurch aufrechtzuerhalten; derartige Fälle gibt es. Man muss es aber als überaus unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich, erachten, dass sich Tausende von Banken unter der Hand zu einem funktionierenden Kartell verbünden - mit genau abgestimmtem Anteil an dem gemeinsam begangenen Betrug. Immer würde es Ausreißer geben, die mehr für sich selbst herausschlagen wollen und dadurch bei den anderen das gleiche Verhalten auslösen - also das Chaos.“

 Was Jenner übersieht: Die Banken müssen sich nicht selbst zu einem Kartell zusammenschließen. Sie haben die Bankaufsicht und vor allem die Zentralbank, die das für sie erledigen. Man muss sich klar machen: Die Banken insgesamt haben kein Interesse daran, die Geldmenge so stark auszuweiten, dass die Inflation galoppiert und die Menschen das Vertrauen in ihr Geld verlieren. Dann würde ihr Geldschöpfungsprivileg irgendwann wertlos, weil niemand mehr ihr Geld haben wollte. Sie können auf Dauer nur den Geldschöpfungsgewinn auf eine Geldmengenausdehnung realisieren, die im Einklang mit dem Wirtschaftswachstum und einer maßvollen Inflation steht. Dieses Interesse deckt sich mit dem von Bankaufsicht und Zentralbank. Die Bankaufsicht sorgt dafür, dass die Bank-Bilanzen halbwegs in Ordnung sind. Die Zentralbank organisiert einen Geldmarkt, auf dem die Banken sich gegenseitig kontrollieren. Eine Bank, die viel großzügiger als die anderen Geld schöpft, häuft immer höhere Zentralbankgeld-Schulden bei anderen Banken an. Diese werden ihr am Geldmarkt irgendwann keinen Kredit mehr geben. Dann kann diese Bank auch kein Geld mehr schaffen. Banken, die etwa im Gleichschritt mit den anderen per Kreditvergabe oder durch Wertpapierkäufe Geld schaffen, haben aber kein Problem und können den damit verbundenen Geldschöpfungsgewinn einstreichen. Denn in dem Maße, in dem auch die anderen Banken Geld schaffen, fließen ihnen ja wieder Guthaben zu, die durch die eigene Kreditgeldschöpfung abgeflossen sind.

 Dennoch ist an dem Konkurrenzargument ein bisschen was dran: Die Konkurrenz der Banken untereinander nötigt sie, den Einlagenkunden Zinsen zu zahlen. Auch bieten sie ihre Zahlungsverkehrsleistungen oft kostenlos oder zu nicht kostendeckenden Preisen an. Auf diese Weisen geben sie einen Teil des Geldschöpfungsgewinns an ihre Kunden ab. Wenn der Wettbewerb sehr scharf wäre, könnte das theoretisch der gesamt Geldschöpfungsgewinn sein. Aber dafür spricht nichts in einer so hochgradig kartellierten Branche wie dem Bankwesen, mit seinen extrem hohen Zugangshürden. Es ist ja nicht so, dass jeder seine Bank gründen könnte, um auch am Geldschöpfungsprivileg teilzuhaben und 25 Prozent Eigenkapitalrendite zu erzielen, wie das lange Zeit als internationale Bankennorm galt. Klingt so eine Norm nach scharfem Wettbewerb?

Jenner schließt mit strengen Worten:
Vom Wunder- und Aberglauben der Geldschöpfung aus dem Nichts sollten uns theoretische Einsichten jedoch kurieren – sofern wir denn noch auf Fakten hören und Argumenten zugänglich sind.

Sind Sie Argumenten zugänglich, Herr Jenner? Ihr Problem ist nicht die Theorie. Ihr Problem ist die Unkenntnis der institutionellen Gegebenheiten. Beim Zustand der Lehrbücher zu diesem Thema ist das zwar verständlich. Aber wer so austeilt, sollte sich vorher mehr Mühe geben, zu verstehen, wovon er schreibt, und zwar nicht nur durch Nachdenken darüber, wie es wohl funktioniert, sondern auch durch Recherche wie es tatsächlich funktioniert.

Zur Replik von Gero Jenner