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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Das Bruttoinlandsprodukt ökologisch und sozial zu erweitern ist eine verfehlte Strategie

Auf ihrem Parteitag im November haben die Grünen beschlossen, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als vorherrschendes Maß für Wachstum und Wohlstand ablösen zu wollen. "Das BIP ist blind für die sozialen Folgen und die ökologischen Schäden unseres Wirtschaftens", heißt es im Leitantrag. Vorgeschlagen wird "ein neues Wohlstandsmaß, um neben den ökonomischen auch ökologische, soziale und gesellschaftliche Entwicklungen zu messen". Das klingt danach, als solle das BIP durch ein verbessertes BIP abgelöst werden, das auch ökologische und soziale Entwicklungen mit einbezieht. Das wäre ein Fehler.

Blair Fix von der York University stellt in dem Aufsatz "The Aggregation Problem: Implications for Ecological and Biophysical Economics" fest, dass das BIP weder als das Wohlstandsmaß taugt, als das es allzu gern präsentiert wird, noch jemals als solches konzipiert war. (Ein kürzerer, aktuellerer und frei zugänglicher Aufsatz von Fix zusammen mit Nitzan und Bichler "Real GDP: The Flawed Metric at the Heart of Marcoeconomics” im Real World Economics Review Nr. 88 argumentiert ähnlich.)

Bei den Statistikern rennt er damit offene Türen ein. "Das BIP ist kein Wohlfahrtsmaß", sagt Michael Kuhn, Leiter der Gruppe "Preise" beim Statistischen Bundesamt. Auch er warnt davor, nicht wirtschaftliche Vorgänge wie ökologische Schäden, in ein erweitertes BIP einzubeziehen, weil es dafür keine Marktbewertungen gibt. Sie in ein Erfolgsmaß für ökologischen und gesellschaftlichen Fortschritt einzubeziehen "brächte große Messprobleme und Subjektivität mit sich", sagt er.

Die Kritik von Fix (sowie Nitzan und Bichler) ist grundsätzlicher. Das BIP habe ein tief liegendes Problem mit versteckter Subjektivität, das durch Einbeziehung ökologischer Faktoren noch größer würde. "Durch das Verdichten zu einer einzigen Zahl werden real existierende Zielkonflikte auf intransparente Weise durch die Werturteile Einzelner ersetzt, die die Gewichtung vornehmen", warnt er. Es müssten dann die Statistiker entscheiden, wie man bewertet, dass durch Elektroautos, die mit Kohle- oder Windstrom fahren, die Luft in den Städten sauberer wird, aber gleichzeitig auf dem Land die Luft dreckiger wird, oder Windanlagen die Anwohner stören und Vögel töten.

Statistiker verbergen Ungenauigkeit und Willkür

Die Statistiker sind nicht ganz unschuldig daran, dass das BIP eine so hervorgehobene Bedeutung hat. Indem sie die großen Spielräume für subjektive Entscheidungen und die große Unsicherheitsmarge verbergen, lassen sie das BIP als ein objektives und genaues Maß erscheinen, das es in Wahrheit nicht ist.

Wir berechnen das BIP nach internationalen Standards. Am Ende veröffentlichen wir einen belastbaren Wert, nicht verschiedene Werte oder eine Spanne.

Das fängt schon damit an, dass die Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Arten, das Bruttoinlandsprodukt zu berechnen - einmal entstehungsseitig, einmal verwendungsseitig - in einem Posten versteckt werden, der "Vorratsveränderungen und Ähnliches" heißt. Im ersten Quartal 2019 betrug das BIP-Wachstum 0,4 Prozent. Dabei belief sich dieser Posten auf minus einen vollen Prozentpunkt. Stefan Hauf, Leiter der für die Berechnung des BIP zuständigen Gruppe beim Statistischen Bundesamt, verteidigt diese Darstellungsweise damit, dass die Vorratsveränderungen tatsächlich statistisch weniger gut belegt seien als andere BIP-Bestandteile. "Wir berechnen das BIP nach internationalen Standards. Am Ende veröffentlichen wir einen belastbaren Wert, nicht verschiedene Werte oder eine Spanne", sagt er.

Blair Fix sieht aber noch ein tiefer liegendes, grundsätzliches Problem des BIP, nämlich das Fehlen eines stabilen Wertmaßstabs.

Das Problem entsteht aus dem Zusammenrechnen von Dingen ohne gemeinsamen Nenner. Wie entscheidet man, ob mehr oder weniger produziert wurde, wenn im ersten Jahr ein Computer und 1000 Brote produziert wurden, im zweiten zwei Computer und nur 800 Brote? In Kilo oder Kalorien gemessen ist im ersten Jahr mehr produziert worden, in Rechenleistung gemessen im zweiten Jahr. Die einzige Maßeinheit, die sich zusammenrechnen lässt, ist der Preis. Indem man Mengen und Marktpreise multipliziert, kann man die Werte der Gesamtproduktion vergleichen.

 Preisbereinigung ist voller Willkür

Problematisch wird es, wenn man versucht, zu einem "preisbereinigten" oder "realen" BIP zu kommen, und zu einer "realen" Wachstumsrate. Es wäre kein Problem, wenn sich die Preise einheitlich änderten. Aber die Preisverhältnisse ändern sich ständig, zum Teil massiv. Der Wertmaßstab ist also ständig im Fluss.

Wenn im Jahr eins der Computer 1000 Euro und die 1000 Brote je einen Euro kosten, ist der Produktionswert 2000 Euro. Ein Jahr später ist dann der Wert der zwei Computer und 800 Brote, gemessen in Preisen aus Jahr eins 2800 Euro oder 40 Prozent mehr. Mit gleichem Recht könnte man aber auch die Preisverhältnisse in Jahr zwei zum Maßstab machen. Wenn ein Computer dann nur noch 500 Euro kostet und ein Brot 1,25 Euro, dann ist der Produktionswert in Jahr zwei in aktuellen Preisen 2000 Euro. Der Produktionswert von Jahr eins in Preisen von Jahr zwei ist 1750 Euro. Der Anstieg beträgt dann nur 14 Prozent. Die Entscheidung, welche Preisverhältnisse genommen werden, um die Produktion zu bewerten, ist also entscheidend für das Ergebnis.

Ob im Beispiel plus 14 Prozent oder plus 40 Prozent oder irgendetwas dazwischen "richtig" ist, dafür gibt es keinen objektiven Maßstab, so Fix. Entsprechend unterscheiden sich auch die Methoden der Statistiker, sowohl international als auch im Zeitablauf.

Auf der Internetseite des Statistischen Bundesamts heißt es dennoch irreführend: "Auf Vorjahresbasis wird die 'reale' Wirtschaftsentwicklung im Zeitablauf frei von Preiseinflüssen dargestellt."

Stefan Hauf verteidigt die Vorgehensweise: "Unsere aktuelle Methode ist besser als die, die früher verwendet wurde und zeigt verlässlich die reale Wirtschaftsentwicklung in einer Welt mit tausenden von Gütern. Zudem ist es die international vorgegebene, die die Vergleichbarkeit mit anderen Ländern garantiert." Das würde allerdings bedeuten, dass die deutschen und die internationalen Statistiker jahrzehntelang wissentlich eine minderwertige Methode der Preisbereinigung verwendet haben. Die heute verwendete Alternative ist ja seit einem Jahrhundert sattsam bekannt.

Die Methode der Kettengewichtung sorgt dafür, dass die Geschichte nicht mehr durch willkürliche Wechsel des Basisjahres umgeschrieben wird.

Dagegen wurden bis in die Neunzigerjahre die Preisverhältnisse eines Basisjahres festgeschrieben. Nur in größeren Abständen wurde auf ein aktuelleres Referenzjahr gewechselt und neu gerechnet, bis weit zurück in die Vergangenheit. Dann waren die Wachstumsraten vergangener Jahre oft ganz andere. So war etwa in den USA die Rezession von 1990/91 nach einer Änderung des Basisjahrs doppelt so tief wie vorher berichtet. Die notwendige Preisbereinigung führe "zu Wachstumsangaben, die stark von der willkürlichen Wahl des Basisjahres abhängen", erklärte Charles Steindel im Jahr 1995 für die Notenbank Federal Reserve, warum sich die USA als Erste von dieser Methode verabschiedeten.

Nach langem Zögern verwendet das Statistische Bundesamt seit 2005 ebenfalls das neue Verfahren. Demnach wird als Basisjahr jeweils das Vorjahr verwendet. "Die Methode der Kettengewichtung sorgt dafür, dass die Geschichte nicht mehr durch willkürliche Wechsel des Basisjahres umgeschrieben wird", beschrieb der US-Statistiker Steindel den Hauptvorteil.

Man kann das auch als Nachteil betrachten. Die fundamentale Unsicherheit, welche die "wahren" Werte sind, wird ja nur verborgen, nicht beseitigt. In Deutschland hat sich durch die Umstellung der Methode 2005 die Wachstumsrate von 1991 bis 2004 in fast allen Jahren erhöht. Das BIP von 2004 wurde dadurch um zwei Prozent höher. Bei den Ausrüstungsinvestitionen, wo die Preisschwankungen größer sind, stieg der "preisbereinigte" Wert sogar um rund zehn Prozent.

Hinzu kommt: Wegen des wechselnden Maßstabs kann man die Wachstumsraten verschiedener Jahre eigentlich nicht mehr seriös vergleichen. Wenn das reale BIP erst um ein Prozent gewachsen ist und dann um 1,2 Prozent, kann man nicht sagen, dass die Wirtschaft im zweiten Jahr stärker gewachsen ist. Denn die Maßeinheit ist eine andere, so wie wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Fußgrößen zwei verschiedene Strecken in Fuß gemessen haben. Trotz all dieser Willkür, Mängel und Messprobleme wurde am 14. November, als das BIP-Wachstum für das dritte Quartal verkündet wird, viel Aufhebens darum gemacht, dass das BIP um 0,1% gestiegen und nicht etwa gefallen ist. Daraus wurde abgeleitet, dass sich Deutschland nicht in einer Rezession befinde. Das gleiche wird sich wiederholen, wenn des BIP des vierten Quartals verkündet wird. Ob das Wachstum im dritten nach der Revision der Zahlen dann immer noch positiv ist, spielt dann keine Rolle mehr.

[4.1.2020]

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