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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Ausführliches Interview zum Kampf für das Bargeld in Galore

In der seit kurzem erhältlichen Ausgabe 38 des Interviewmagazins Galore ist ein sechsseitiges Interview, das Tahir Chaudhry mit mir geführt hat, garniert mit Fotos aus dem Frankfurter Bankenviertel. Als Appetitanreger hier die Antworten auf die ersten beiden und letzten beiden Fragen. Den Titel der Galore-Ausgabe ziert übrigens der Literaturkritiker Denis Scheck, der sich gerade mit einem bösen Verriss des "Weltsystemcrash"s von Max Otte beim AfD-Umfeld sehr unbeliebt gemacht hat.

Herr Dr. Häring, was fühlen Sie, wenn Sie einen Geldschein oder eine Münze in der Hand halten?

Nicht viel. (lacht) Ich habe kein erotisches Verhältnis zum Geld. Es ist eher ein intellektuelles Verhältnis. Seit 30 Jahren beschäftige ich mich beruflich damit, aber im Privaten denke ich nicht jeden Tag über mein Geld nach. Es ermöglicht mir ein ziemlich sorgenfreies und bequemes Leben. Mehr nicht. Ich bin geprägt von den bescheidenen, ländlichen Verhältnissen, in denen ich aufgewachsen bin. Ich habe gelernt, mit dem zufrieden zu sein, was ich habe.

Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, die von der Macht und Magie des Geldes durchdrungen ist. Geld – was ist das eigentlich?

Geld ist das, worin sich Produktions- und Machtverhältnisse destillieren. Es sind letztlich Einträge in einem Buch, in dem steht, wer was zu bekommen hat. Ich habe erst spät in meiner Auseinandersetzung mit dem Thema verstanden, welch enorme Macht daraus folgt, diese Bücher führen zu dürfen und manipulieren zu können. Beim Bargeld, das an Bedeutung verliert, ist das etwas anders. Da steckt der Wert in dem Schein, der als Geld einen Anspruch verkörpert. Das meiste Geld aber liegt auf Bankkonten. Die Buchführung ist Sache der Bank. Sie weiß zu jeder Zeit, wer wie viel Geld hat und bekommt und wofür er es ausgibt. Wenn ich zum Beispiel einen Kredit über 100. 000 Euro aufnehme, dann können die Banken es einfach in ihr Buch schreiben, dass ich nun 100.000 Euro Guthaben besitze – und zwar, ohne dass sich die Banken dieses Geld vorher woanders herholen müssen. Sie erschaffen diese 100.000 Euro einfach mit ein paar Tastenanschlägen. Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass die Finanzbranche und insbesondere das Bankwesen so mächtig sind

(...)

Ob mit oder ohne Bargeld, die allermeisten haben mit Geldwäsche nichts am Hut. Warum sollten wir uns doch Sorgen machen?

Das ist der Trick. Der Normalbürger weiß, dass er speziell für Geheimdienste uninteressant ist. Ob er jetzt präziser gezielte Werbung bekommt oder nicht, ist ihm gleich. Auf individueller Ebene wird er
also keinen Nachteil spüren, wenn das Bargeld verschwindet. Langfristig jedoch muss dann auch dieser Normalbürger in einer total überwachten Gesellschaft leben, mit gläsernen Politikern, Journalisten, Aktivisten und Unternehmern. Alle, die etwas zu sagen haben und die eigentlich
in seinem Interesse agieren sollen, wären erpressbar. Denn jeder hat irgendetwas, das er nicht gern auf der Titelseite der Bild lesen würde, und wenn nicht er oder sie selber, dann jemand im engen Umfeld. Damit wir in einer freiheitlichen Gesellschaft leben können, braucht es Menschen, die
sich trauen können, echte Opposition zu den Mächtigen zu betreiben. Wenn alle gläsern sind, gibt es das nicht.

Edward Snowden hat für sein Whistleblowing einen hohen Preis bezahlt. Müssen Sie sich fürchten?

Es gab schon Zeiten, da habe ich gedacht, das, was ich gerade herausgefunden habe, sei sehr wichtig und gefährlich. Aber so ist das nicht. Bücher sind keine große Gefahr. Es gibt Methoden, um die Verbreitung unerwünschter Ideen und Informationen in verträglichen Grenzen zu halten. Die Tatsache, dass ich in Ruhe gelassen werde, deutet darauf hin, dass ich nicht besonders wichtig und gefährlich bin.