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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Geldreform wird salonfähig

Über siebzig Jahre lang - also seit die in den 30er Jahren von Ökonomengrößen wie Irving Fisher, Henry Simons und Milton Friedman entwickelten Ideen zu 100%-Money bzw. 100%-Banking von der Finanzbranche erfolgreich abgewehrt wurden - haben die etablierten Wirtschaftswissenschaftler, Zentralbanker und Politiker so getan, als gebe es keine Alternative zu unserem verrückten Geldsystem. Sie tun zwar

immer noch so, aber inzwischen ist die öffentliche Debatte dennoch in Gang gekommen. Am 26.8. durften der ehemalige Minister Karl-Theodor zu Guttenberg und Richard Werner von der Universität Southampton in einem Gastbeitrag bei „Capital“ unter dem Titel „Wie Geld gemacht wird“ fordern, die Politik müsse der zügellosen Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken eindämmen und durch Kreditlenkung dafür sorgen, dass die Geldschöpfung nur produktiven oder gemeinnützigen Zwecken dient. Am 29. August brachte die Süddeutsche Zeitung in ihrem Wirtschaftsteil eine ganze Seite über die Geldreformbewegung.

Dazu tragen prominente Überläufer aus dem Finanzlager bei, die den Ideen der Geldreformer in den Augen elitennahen Medien eine gewisse Respektabilität verleihen, wie der Ökonom des Internationalen Währungsfonds, Michael Kumhof. Da ist auch der Chefvolkswirt der Citigroup und ehemalige britische Zentralbanker, Willem Buiter, der in einem Papier feststellt, dass die Fortdauer der europäischen Finanzkrise eine Entscheidung der Zentralbank ist, weil diese darauf verzichtet, so viel Geld in Umlauf zu bringen wie nötig – wenn es sein muss, indem sie Schecks an die Haushalte verschickt.

Da sind ganz ähnlich Mark Blyth von der Brown University und Hedge-Fond-Manager Eric Lonergan, die in der renommierten Zeitschrift Foreign Affairs „Print less but transfer more“ fordern:  „Anstatt zu versuchen, den privaten Konsum durch Wertpapierkäufe und Zinsänderungen anzukurbeln, sollten Zentralbanken den Konsumenten den Cash direkt geben.“ Das könne in der Praxis die Form annehmen, dass sie den Haushalten eine gewisse Menge Geld gibt. Sie stellen dabei zu Recht fest, dass das keine dramatische Kurswende wäre, denn: „Zinsänderungen haben ebenso Verteilungswirkungen wie das Verteilen von Geld.“

Es gibt noch einen ganz berühmten Kronzeugen, auf den Blith und Lonergan hinweisen: US-Notenbankchef Ben Bernanke. Allerdings hat der solch häretische Gedanken nur geäußert, als er noch freier Wissenschaftler war. Weil die Lektüre dessen, was er vor 15 Jahren der Bank von Japan ins Stammbuch schrieb auf fast gruselige Weise die Situation und die verleugneten Politikmöglichkeiten der europäischen Zentralbank beschreibt, will ich mich dem in Kürze in einem separaten Beitrag widmen.