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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Was Deutschlands dritter Platz im Wettbewerbsfähigkeitsranking wirklich bedeutet

Deutschland ist hinter den USA und Singapur das drittwettbewerbsfähigste Land der Welt. Das geht aus dem Globalen Wettbewerbsfähigkeitsindex hervor, den das Weltwirtschaftsforum in der Nacht zum Mittwoch veröffentlichte. Laut Forum bedeutet ein gutes Ranking hohes langfristiges Wachstumspotential. Tatsächlich misst es etwas ganz anderes – etwas das eng mit der Interessenlage dieser Lobby der größten multinationalen Konzerne zusammenhängt.

Was es bedeute, wenn eine Nation bei diesem Index einen hohen Wert erzielt, erklärt das Forum so:

„Der Wettbewerbsfähigkeitsindex misst die Faktoren, die langfristiges Wachstum und Wohlstand antreiben.“ 

Deutschland sollte danach also langfristig zu den am stärksten wachsenden Nationen gehören. Der Indikator ist aber nicht nur prognostisch gemeint, sondern soll auch wirtschaftspolitische Leitlinien bieten:  

„Der Wettbewerbsfähigkeitsindex bietet unparteiische Informationen, die es Führern des öffentlichen und privaten Sektors erlaubt, die wichtigsten Treiber des Wachstums besser zu verstehen.“

Besonders verlässlich war der Index, gemessen an seiner Aussageabsicht, in der Vergangenheit nicht. Blickt man beispielhaft zum Bericht 2012 zurück, so war das das erste Jahr, in dem die USA nach einigen Jahren des Abrutschens hinter Deutschland (Rang 6) zurückfielen. Die Schweiz lag damals auf Rang 1, China auf Rang 29, Indien auf Rang 59. Die Wachstumsunterschiede in den sechs Folgejahren entsprachen dem nicht. Die Schweizer und die deutsche Wirtschaft wuchsen trotz der fünf Rangplätze Unterschied mit 1,7 Prozent pro Jahr gleich stark. Die damals hinter Deutschland liegende US-amerikanische Wirtschaft kam auf 2,3 Prozent pro Jahr und die beim Indexwert weit abgeschlagenen Länder China und Indien stellten mit einer Wachstumsrate von knapp sieben Prozent alle in den Schatten.

Möglicherweise liegt die fehlende Treffsicherheit mit daran, dass die Analyse nicht ganz so unparteiisch ist, wie das Weltwirtschaftsforum glauben machen möchte. Das Forum ist eine Stiftung, die von 1000 großen international aktiven Konzernen getragen wird. Den Großteil des beträchtlichen Budgets bringen 100 „Strategische Partner“ auf. Nach der Eigenbeschreibung des Weltwirtschaftsforums können Strategische Partner nur internationale Branchenführer werden, die langjährige gute Governance und Übereinstimmung mit dem Ziel bewiesen haben, "den Zustand der Welt zu verbessern" (Kein Witz). Strategische Partner sind unter anderem Volkswagen, Deutsche Bank und American Insurance Group (AIG), die kaum als Aushängeschilder für gute Governance im Dienste der Verbesserung des Zustands der Welt taugen.

Wenn es nicht um größere Prosperität für alle geht, wie das Forum behauptet, worum geht es dann? Bei genauer Betrachtung der Methodik des Index stellt man fest, dass er eigentlich etwas ganz anderes misst.  Seine Bestandteile sollen laut Forum das Wachstum nicht direkt beeinflussen, sondern indirekt über die Renditen von Investitionen, die „die grundlegenden Treiber des Wachstums sind“. Das Gewinnmaximierungsinteresse der Unternehmen deckt sich also mit dem Ziel der Wachstumssteigerung. Alles, was die Gewinne investierender (internationaler) Unternehmen steigert, ist gut für die Wettbewerbsfähigkeit und treibt das Wachstum.

Das hieße dann also: Ein hoher Indexwert zeigt an, dass (multinationale) Konzerne

  • - aus Investitionen in einem Land einen hohen Ertrag ziehen können,
  • - dass sie nicht viel von diesem Ertrag an Arbeitnehmer und das Finanzamt abgeben müssen,
  • - und sich nicht mit lästigen Regulierungen herumzuschlagen haben.

Die Höhe der Lohnsteuer wird denn auch nicht in Prozent des Lohns, sondern in Prozent der Unternehmensgewinne bewertet. Zu dieser Interpretation passt auch die erstaunliche Ähnlichkeit der oberen Rangplätze mit dem Schattenfinanzindex der Organisation Tax Justice Network. Dort liegt die Schweiz, lange Jahre Spitzenreiter im Wettbewerbsfähigkeitsranking, stabil auf Rang 1 und Länder wie USA, Singapur, Luxemburg, Deutschland und Niederlande nicht weit dahinter. Schattenfinanzzentren stellen die notwendige Infrastruktur bereit, mit der Unternehmen Steuergesetze und Transparenzregeln unterlaufen können. Der Index misst die globale Bedeutung verschiedener Zentren.

Aus dieser Perspektive erklärt sich auch leichter, warum seit vielen Jahren das Weltwirtschaftsforum betont, dass in Deutschland Kündigungsschutz und andere Regulierungen des Arbeitsmarktes das wichtigste Wettbewerbsfähigkeitsproblem darstellen, also das größte Wachstumshindernis.  „Flexibilität bei der Lohnfindung” lautet ein Teilindikator, bei dem Deutschland 2012 gerade einmal Platz 139 von 144 erreichte. Einen niedrigen Wert erhält ein Land, wenn es einen zentralisierten Lohnfindungsprozess mit Tariflöhnen gibt, einen hohen, wenn jedes Unternehmen den Lohn für sich festlegen kann. Auch freies Kündigen ohne Abfindungen führt zum besten Wert. Trotz dieser schlechten Bewertung 2012 ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland seither massiv gesunken und allseits lautet heute die Klage, dass Arbeitskräftemangel ein wichtiges Wachstumshindernis darstelle.