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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Pech für die Glücksforschung

Glücksforschung und Glücksökonomie nehmen für sich in Anspruch, das methodische Problem gelöst zu haben, dass Glück und Lebenszufriedenheit subjektiv sind. Sie fragen mittels einer Skala viele Menschen, wie glücklich oder zufrieden sie sind und errechnen aus den angegebenen Werten den Durchschnitt. Damit haben sie viele interessante und überraschende Ergebnisse erzielt. Es gibt nur ein Problem: Aus den erhobenen Glückwerten kann man meist auch gegenteilige Ergebnisse ableiten, wenn man die Annahmen ändert.

Viel Aufmerksamkeit erhalten regelmäßig die Glücksrankings von Ländern oder Regionen, die verschiedene Institutionen publizieren. Glücksforscher haben festgestellt, dass Heirat und Kinder unzufrieden machen, und dass die meisten Menschen in der Mitte des Lebens einen Durchhänger bei der Lebenszufriedenheit haben. Sie haben ausgerechnet, wie stark der Einfluss von Inflation und Arbeitslosigkeit auf die durchschnittliche Lebenszufriedenheit ist. Das berühmte Easterlin-Paradox besagt, dass ein höheres Einkommen in einem Land die Zufriedenheit der Bevölkerung nur bis zu einem mittleren Einkommensniveau vergrößert, danach nicht mehr.

Die Politik hat diese Erfolge zur Kenntnis genommen. Der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy berief 2008 eine mit Nobelpreisträgern gespickte Kommission, die das Bruttoinlandsprodukt durch ein Bruttonationalglück ergänzen sollte. Der Deutsche Bundestag berief eine Enquetekommission mit ähnlicher Zielsetzung ein. Der Industrieländerklub OECD veröffentlicht einen "Index des besseren Lebens" und die Vereinten Nationen einen Weltglücksbericht. Bhutan und inzwischen auch Großbritannien erstellen parallel zu ihren Wirtschaftsstatistiken Glücksstatistiken.

Zahlen können lügen

Doch nun haben die US-Ökonomen Timothy Bond und Kevin Lang in der renommierten Fachzeitschrift "Journal of Political Economy" nachgewiesen, dass alle quantitativen, also zahlenmäßigen, Ergebnisse der Glücksforschung auf Sand gebaut sind. Denn auch wenn Glück auf einer mit Zahlen unterlegten Skala gemessen wird, heißt das nicht, dass man weiß, wie viel glücklicher eine Person geworden ist, wenn sie eine Vier für "sehr glücklich" ankreuzt, nachdem sie vorher nur eine Drei für "ziemlich glücklich" (3) angekreuzt hatte. Genauso wenig weiß man, ob zwei Menschen, die eine Drei ankreuzen, in irgendeiner sinnvollen Weise "gleich glücklich" genannt werden können.

Was wie ein abstrakter methodischer Einwand klingt, haben die beiden Ökonomen in dem Beitrag "The Sad Truth About Happyness Scales" (Link zum NBER-Working Paper) anhand von ganz konkreten Umfragen und Ergebnissen der Glücksforschung untersucht. Heraus kam ein geradezu verheerendes Verdikt. Sie stellten fest, dass die Annahmen über die Verteilung des Glücks in der Bevölkerung und über das Antwortverhalten der Menschen, die man treffen muss, um zu den bekannten Ergebnissen zu kommen, nicht gleichzeitig zutreffen können.

Eine übliche Annahme ist es, dass die Glückswerte in einer Bevölkerung "normalverteilt" sind. Das beinhaltet, dass die meisten Werte nahe beim Durchschnitt liegen und extremere Werte in beiden Richtungen symmetrisch immer seltener auftreten. Damit man aus dem Durchschnittswert auf das Glück der Gesamtheit schließen darf, muss man zusätzlich annehmen, dass die Streuung der Werte im Zeitablauf gleich bleibt und über verschiedene Gruppen hinweg gleich ist. Bond und Lang nahmen sich verschiedene Befragungen vor und akzeptierten die Annahme der Normalverteilung. Dann testeten sie, ob unter dieser Annahme tatsächlich die Streuung über Gruppen oder die Zeit hinweg einheitlich war. Das Ergebnis war in praktisch allen Fällen negativ. So stellen sie zum Beispiel fest, dass sich mit steigendem Einkommen in einem Land die Streuung der Werte verengt. Das bedeutet, dass jede Aussage über den Zusammenhang von nationalem Einkommen und Nationalglück davon abhängt, welche Annahmen man über die zahlenmäßigen Abstände zwischenden Befragungswerten trifft.

Glücksverteilungen können aber auch asymmetrisch sein, dass also zum Beispiel relativ mehr Menschen sehr unglücklich sind als sehr glücklich. Dann kann auch ein niedrigerer Durchschnitt einer Gruppe damit einhergehen, dass man sie insgesamt als die glücklichere betrachten müsste. Die Autoren stellen fest: "Wir können alle wichtigen Ergebnisse der Glücksforschung umkehren oder auflösen, wenn wir geeignete Annahmen über eine asymmetrische Verteilung des Glücks treffen." Der Grad der dafür nötigen Asymmetrie liege jeweils im Rahmen dessen, was man bei anderen ökonomischen Größen beobachtet, zum Beispiel bei der Verteilung der Einkommen.

Die Glücklicheren sind einfach weniger anspruchsvoll

Besonders unangenehm für die beliebten Glücks-Ranglisten ist eine weitere Feststellung: Wenn man die nötigen Annahmen von Normalverteilung und gleicher Streuung trifft, ergebe sich, dass die Bewohner verschiedener Länder keine gleichen Standards haben können, um sich zum Beispiel als sehr glücklich zu bezeichnen.

Vielmehr lasse sich dann zeigen, dass Bevölkerungen, die als besonders glücklich erscheinen, die Messlatte niedrig legen, um sich als glücklich einzustufen, während die Bevölkerungen am unteren Ende der Skala die Latte besonders hoch legen.

Andrew Oswald von der Universität Warwick, einer der führenden Glücksökonomen, ist auf Anfrage nicht übermäßig beeindruckt von dem scheinbar vernichtenden Verdikt. Es gehe in dem Aufsatz um Probleme, die seit einem Jahrhundert bekannt seien. Das Unmöglichkeitstheorem von Ken Arrow habe ganz ähnlich nachgewiesen, dass es nicht möglich sei, verlässliche kollektive Entscheidungen zu treffen. "Den Entscheidungsträgern ist das egal. Sie müssen diese Entscheidungen treffen", so Oswald. Es ist für ihn keine sinnvolle Option, die Gefühle der Menschen zu ignorieren, wie die Ökonomen das traditionell täten, nur weil man sie nicht so exakt messen kann wie Geldgrößen. Sein wichtigstes Gegenargument lautet: "Unternehmen nehmen die numerischen Ergebnisse von Befragungen zur Kundenzufriedenheit sehr ernst. Damit haben derartige Befragungen den Markttest bestanden."

Dieser Verweis auf Kundenbefragungen macht deutlich, dass man die Glücksforschung nicht in Bausch und Bogen verwerfen sollte. Allerdings zeigen Bond und Lang Grenzen auf, die von den beliebten Länderrankings und einigen anderen analytischen Ergebnissen der Glücksforschung wohl deutlich überschritten werden. Es ist das eine, festzustellen, wie viele Kunden sagen, dass sie mit einem Produkt zufrieden sind und daraus Schlüsse zu ziehen. Es wäre etwas ganz anderes, diese Ergebnisse zu einer einzigen Zahl zu verdichten und mit anderen Unternehmen, international und nach verschiedenen Kriterien zu vergleichen.

Letztlich hat die Glücksforschung das gleiche Problem wie die Mainstream-Ökonomie: Wirtschaftspolitischer Erfolg bei der Erreichung verschiedener Ziele und in Hinblick auf eine Vielzahl von Menschen mit unterschiedlichen Interessen lässt sich nicht objektiv auf eine einzelne Zahl verdichten. Für den Erfolg bei der Aufgabe, den Menschen ein glückliches Leben zu ermöglichen, gilt das Gleiche. Wer es trotzdem tut, setzt sich leicht dem Vorwurf der Scheinobjektivität aus.