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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Der gläserne Bürger: Besprechung von "Schönes neues Geld" auf Rubikon

Jörg Gastmann hat für "Rubikon" mein aktuelles Buch "Schönes neues Geld" besprochen: "Die Welt steht an einem weiteren Scheideweg zwischen Freiheit und Totalüberwachung. In Ergänzung zur Aufzeichnung der Telekommunikationsinhalte und -verbindungen wollen Regierungen und Konzerne komplett speichern und auswerten, wofür, wann und wo die Bürger und Konsumenten wie viel Geld an wen zahlen. Biometrische Daten sollen die Transaktionsdaten vervollständigen. Mehr Überwachung ist fast nicht möglich...

Häring beginnt seine Argumentation mit den Vorteilen des Bargelds, die die Gesellschaft zu verlieren droht. Greifen wir einige heraus:

Nur die Anonymität des Bargelds ermöglicht eine finanzielle Privatsphäre. Es ermöglicht eine gute Kontrolle des Haushaltsbudgets. Kinder lernen mit Taschengeld das Konzept von Geld und dessen Knappheit. Es ist krisensicher – im Gegensatz zu digitalem Geld, das bei einem Ausfall von Internet und Telefonnetz nicht mehr verfügbar ist; jede Bundesregierung empfiehlt für den Krisenfall Bargeldreserven.

Es ist kostengünstig, da bei einer Transaktion niemand Profite erzielt. Es schützt vor einer Enteignung durch Negativzinsen. Sofern man eine drohende Bankinsolvenz erkennt, kann man sein Geldvermögen in Sicherheit bringen. Bei – berechtigten oder unberechtigten – Kontensperrungen ermöglicht vor allem Bargeld das Überleben.

In diesen Vorteilen für die Bürger stecken auch die Motive derjenigen, die Bargeld abschaffen wollen.

Häring analysiert die unter betterthancash.org, „Besser-als-Bargeld-Allianz“, genannten Mitglieder der Allianz zur Bargeldabschaffung und unterscheidet verschiedene Motive: Konzerne wie die Citibank, Visa und Microsoft wollen an jeder Transaktion Geld verdienen. Unternehmen wie H&M, Coca-Cola und Unilever wollen Konsumentenprofile. Dritte-Welt-Nationen von Afghanistan bis Vietnam werden zur Mitgliedschaft genötigt: Wer sich nicht freiwillig unterwirft, „bekommt Hilfsgelder gestrichen oder kommt gar auf eine schwarze Liste nicht kooperativer Staaten“.

Die Allianz zur „finanziellen Inklusion“ – klassisches Orwellsches Newspeak – von Bill Gates „ist auch mitverantwortlich dafür, dass arme Kenianer heute genötigt werden, an einen britisch kontrollierten Anbieter mobilen Geldes bis zu 40 Prozent Transaktionskosten abzudrücken.“

Die G20-Staaten und die UN beugen sich hingegen seit einer Obama-Initiative dem Druck der USA, eine Bargeldabschaffung zu verfolgen, um den Silicon-Valley-Konzernen den Markt für finanzielle Transaktionen zu sichern.

Das Hauptmotiv der Konzerne ist wie immer der Profit. Das Motiv der Staaten – allen voran der USA – ist die Überwachung aller Bürger des Planeten. Deshalb setzen die USA auch alle anderen Staaten unter Druck, „finanzielle Identitäten“ mit Biometriedaten zu verknüpfen.

Damit wird „Schönes neues Geld“ zur Dystopie à la Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Ein Vorreiter ist Mexiko, wo seit 2017 Banken von allen Kunden bei jedem Geschäft einen Fingerabdruckscan nehmen und eine biometrische Datenbank aufbauen müssen.

Regierungen und Zentralbanken würden gern Negativzinsen bei privaten Bankkonten anwenden, um das Geld der Bürger in Umlauf zu zwingen – was zum Abheben aller Guthaben bei Banken führen würde, so lange es Bargeld gibt.

Härings trockener Humor drückt sich zum Beispiel in der Bemerkung zu mobilen biometrischen Regierungsausrüstungen im bitterarmen Malawi aus: „ Von Freudenstürmen der hungrigen Kinder in Malawi, von denen die wenigsten eine halbwegs anständige Schuldbildung oder eine vernünftige Gesundheitsversorgung bekommen, wird nicht berichtet.“

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