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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Mit der Sommerzeit könnte ein Symbol für die Bürgerferne der EU fallen: Und Sie können helfen

Gedrängt von Bürgern, EU-Parlament und einigen Mitgliedsregierungen will die EU-Kommission nun doch wissen, was wir alle von der Sommerzeit halten. Gefühlt Jahrzehnte, nachdem jede verfügbare Umfrage überall eine Mehrheit gegen dieses traurige Relikt der Energiekrise ergeben hat. Lassen sie die Kommission wissen, was sie davon halten. Die Umfrage ist kurz und ungewöhnlich neutral für Kommissionsverhältnisse.

Die Umfrage, die nur noch zehn Tage läuft, nimmt vielleicht drei Minuten in Anspruch und findet sich hier: https://ec.europa.eu/eusurvey/runner/2018-summertime-arrangements Rechts oben kann man die Sprache einstellen.

Seit fast vierzig Jahren werden die Uhren in Deutschland zwei Mal im Jahr umgestellt und bringen die inneren Uhren von Mensch und Nutztier durcheinander. Frankreich hatte die Sommerzeit mit dem possierlichen Argument eingeführt, damit könne man knappe Energie für Beleuchtung sparen. Dabei ist der Anteil der Beleuchtungsenergie am Gesamtverbrauch klein, die Ersparnis minimal und diese wird in vielen Ländern von sommerzeitbedingtem Mehrverbrauch anderer Energieformen aufgezehrt. Aber der EU-weite Handel und Verkehr verlangte nach Vereinheitlichung, und so machten Deutschland und andere Länder mit. So weit so gut, das kann passieren. Aber dass es dann jahrzehntelang einfach so bleibt, obwohl lange klar ist, dass die Begründung falsch war, die meisten Bürger und Bürgerinnen die Sommerzeit nicht wollen und es nicht einmal eine mächtige Lobby für die Beibehaltung gibt, zeugt in einer Klarheit von der Bürgerferne der EU-Bürokratie wie kaum etwas sonst. Es war dieser einfach zu mühsam, ihre Verordnungen zu ändern, Bevölkerungswille hin oder her. Jedenfalls so lange bis der Austritt der Briten und das Erstarken EU-kritischer Parteien und Bewegungen in mehreren Ländern dafür gesorgt hat, dass sich der Apparat weniger sicher und unangreifbar fühlt. Endlich sind die Wünsche der Bürgerinnen und Bürger wieder ein Thema in Brüssel.

Mehr davon, auch bei wichtigeren Themen als der Sommerzeit, und die EU hat vielleicht doch noch eine gute Zukunft.

[6.8.2018]