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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Sollte man älteren Leuten das Wahlrecht entziehen?

Die Nachdenkseiten haben bei der Zusammenstellung der "Hinweise des Tages" meinen Blogbeitrag "Die Mär von den bösen alten Briten, die der Jugend die Zukunft verbauen" mit bitterbösen Bemerkungen versehen, wie ich sie auch hätte machen müssen, wenn ich nicht nur die Fernsehnachrichten zu dem Thema gesehen hätte, sondern auch die menschenverachtenden Hetzartikel in manchen führenden Print- und Onlinemedien. Die Nachdenkseiten haben die schlimmsten Beispiele zusammengestellt.

"Anmerkung JK: Die Übereinstimmung der entsprechenden Beiträge der „Qualitätsmedien“ (siehe unten) ist mehr als auffällig. Wie soll man da an Zufall glauben? Besonders bösartig der Beitrag „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ von einem Wolfgang Gründinger in der Zeit, der durch seinen besonders aggressiven, ausgrenzenden und diskriminierenden Tenor auffällt. Der Autor als Sprecher des neoliberalen Think Tank „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“ ausgewiesen, befleißigt sich einer unglaublich diffamierenden Semantik gegen ältere Menschen: Alte Säcke, Greise, Rentner, Gestrige. Gleichzeitig phantasiert er die junge Generation zu glühenden Anhängern der EU. Dann kann Gründinger ja einmal die jungen Menschen in Griechenland, Spanien und Portugal fragen, welche großartige Zukunftschancen Ihnen die EU mit ihrer neoliberalen Austeritätspolitik eröffnet, bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 51 % in Griechenland, von 45 % in Spanien, von 30% in Portugal.

Im Erscheinen eines derartigen Hetzartikels auf der Webseite der Zeit manifestiert sich die ganze Verlogenheit der oberen Mittelschicht, als deren Zentralorgan die Zeit sicher gelten darf. Diese gibt sich gerne kultiviert und tolerant und zelebriert ihr „Refugees-welcome“. Passt es aber in ihr politische Kalkül oder besser in das politische Kalkül der Oberschicht, als deren Funktionselite die obere Mittelschicht dient, darf ohne weiteres gruppenbezogenen Menschfeindlichkeit publiziert werden. Keinem der Autoren würde es wohl in einem anderen Kontext einfallen eine andere Personengruppe in dieser abwertenden Weise anzugreifen.

  • Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein
    Das Referendum zeigt: Alte-Säcke-Politik diktiert die Agenda. Wir Jungen müssen uns organisieren. Der Hashtag-Aktivismus kann nur der Anfang sein.
    Von Wolfgang Gründinger
  • Die Alten entscheiden, die Jungen tragen die Konsequenzen
    Hätten nur die jungen Wähler abstimmen dürfen, gäbe es keinen Brexit. Europas Bevölkerung vergreist, immer öfter bestimmen die Alten. Die Jungen müssen besser für ihre Interessen werben.
    Kommentar von Ruth Eisenreich
  • Warum wir eine neue Rebellion brauchen
    Der Brexit ist ein Votum der Älteren gegen eine weltoffenere Jugend. Es verändert die Zukunft von Millionen jungen Europäern. Zum ersten Mal begrenzt eine Generation die Chancen der Nachfahren, statt sie zu erweitern.
    Von Mathias Müller von Blumencron"

Ich möchte dem noch einen anderen Gedanken hinzufügen. Das Brexit-Votum hat es offenkundig gemacht, dass sich die EU in weiten Teilen der europäischen Bevölkerung, wenn nicht bei der Mehrheit der europäischen Bevölkerung, einen sehr schlechten Ruf erarbeitet hat. Nicht von ungefähr werden Referenden und zunehmend auch Abstimmungen der nationalen Parlamente über EU-Themen vermieden, wo immer es geht. Zu den Methoden der EU-Befürworter, dieses Verdikt des Volkes zu überspielen, gehört es, die Kritiker der EU abzuqualifizieren, mal als Nationalisten, mal als verknöcherte Gruftis, wie in diesem Fall, und die Befürworter als die Jungen, die weltoffenen, die Zukunft darzustellen. Dann kann es weiter gehen wie bisher, mit vollem moralischen Rückenwind, obwohl dabei der Volkswillen ignoriert wird.

Warum interviewen so viele Medien fast nur Brexit-Gegner in Schottland, London und unter den Ausländern auf der Insel. Warum gehen sie nicht auch in die Hochburgen des Brexit und lassen dort die Menschen zu Wort kommen, und zwar nicht ausschließlich diejenigen, denen sie ausländerfeindliche oder gar rassistische Sprüche entlocken können. Sie lassen eine Abstimmung bei der der 52 Prozent der Bevölkerung mit ja gestimmt haben, erscheinen wie etwas, was eigentlich gar niemand wollte. Das ist nicht seriös.

Und ein kleiner Nachsatz: In der Print-FAZ von heute, Dienstag, steht auf Seite 19 unter der Überschrift "Drei Mythen der Brexit-Analyse", dass das was der Chefredakteur-Online der FAZ, von Blumencron, schreibt, ein Mythos ist, dass der Brexit "ein Votum der Älteren gegen eine weltoffene Jugend" sei, mit den Argumenten, die ich auch in meinem Blogbeitrag geführt hatte. Die Prämisse stimmt einfach nicht, dass eine stark für die EU engagierte Jugend überstimmt worden sei.  

Änderungshinweis (13:55 Uhr): Die Passage über die Kommentierung in der Süddeutschen habe ich gelöscht, weil die Kommentatorin nicht wirklich eine Altersgrenze für das Wahlrecht vorgeschlagen hat, sondern einräumte, dass man so eine Altersgrenze ja "nicht einfach einführen kann". Das ändert aber wenig am Geist, in dem der Kommentar geschrieben ist.